„Ich finde Suizid ist schwach und erbärmlich“, „Durch Suizid kann man nicht heroisch sterben“,   „Selbstmord ist das Schwächste was man begehen kann“

 

 

Diese Zitate sind echte Kommentare unter einer Dokumentation von „Vice“ über den „Aokigahara Forest“ in Japan, einer der beliebtesten Orte im Land, um Selbstmord zu begehen. Jedes Jahr werden zwischen 50 und 100 Leichen in dem Wald gefunden. Der schlechte Ruf des Waldes ist auch außerhalb des Landes nicht unbekannt. Das beweisen die Filme „The Sea of Trees“ von Gus Van Sant oder „The Forest“ von Jason Zada, die die verbreitete Faszination über den „Selbstmörder-Wald“ aufgreift und in ein Genre verpackt (aber mit Schleifchen!). Erst im vergangenen Jahr schaffte es der Star-Youtuber „Logan Paul“ einen beachtlichen Skandal auszulösen, als er bei einem Kurztrip in den Wald eine gefundene Leiche filmte, anschließend darüber lachte und das Video veröffentlichte.

 

Gesellschaftlich wird Suizid, als sensibles und heikles Thema, oft als eine „No-go“-Thematik eingestuft. Doch in der Anonymität der sozialen Medien, einer Metropole, wandelt sich die Faszination die in einer solchen Thematik steckt, oft in schlichte Respektlosigkeit. Etwa die Hälfte der 46.000 Kommentare unter der Dokumentation enthalten eine ähnliche Aussage, wie die oben genannten Äußerungen. Der Wald wird mittlerweile nicht nur von Youtubern besucht, sondern ist über die Jahre zu einer Touristen-Attraktion geworden.
So scheint sich mittlerweile mehr als nur eine Minderheit an das Thema heranzutasten, obwohl der Begriff „herantasten“ eine Untertreibung wäre. In den Kommentaren wurde insbesondere argumentiert, warum Suizid immer als ein Zeichen von Schwäche auszulegen sei.

 

Innerhalb weniger Sekunden fiel mir eine Geschichte ein, bei der ich selber schwach wurde. Mitten im Epirus, einer nördlichen Region in Griechenland, steht das „Zalongo-Monument“. Eine riesige Statur auf dem Berg des Zalongo: Vier Frauen, die sich an den Händen halten und im Kreis tanzten. Im Jahr 1803 regierte der türkische Herrscher Ali Pascha im Epirus. Lediglich die Dörfer der schwer zugänglichen Souli-Region konnten bis dahin nicht erobert werden. Jedoch gerieten sie durch die Truppen von Ali Pascha so sehr unter Druck, dass sie schließlich eine Einigung unterschrieben, die ihnen freies Geleit aus den Dörfern gewähren sollte. Aus Misstrauen vor einem Hinterhalt, teilten sich die Dorfbewohner in drei Gruppen auf, von denen nur eine mit vielen Verlusten an ihr Ziel kam. Die anderen wurden von den türkischen Truppen abgefangen und in blutigen Kämpfen umgebracht. Die wenigen verbliebenen Männer verschanzten sich im Kloster am Berg Zalongo und kämpften, bis auch sie schließlich gefangen genommen wurden. Ihre Frauen und Kinder hatten sich auf den Bergkamm zurückgezogen, um dort vor den Angreifern geschützt zu sein. Die Frauen erlebten aus der Höhe das Gemetzel und ahnten was ihnen drohte, wenn die türkischen Truppen sie gefangen nehmen: Vergewaltigung, Sklaverei und Tod. Deshalb tanzten sie auf dem Berg einen traditionellen Rundtanz. Die Frau, den jeweils den Tanz anführte, sprang –falls sie Mutter war, mit dem Kind in den Armen- die Klippen herunter. Sie wählten den Freitod statt „es auszuhalten“. Dieses „es Aushalten“ wird von den o.g. Dokumentarfilm-Zuschauern, in den meisten Fällen, als richtige reaktion und häufig als heroisch angesehen.
Ist aber nicht der Inbegriff von Heroismus, Mut und Verantwortung? Warum wird die Fortsetzung einer gewaltsamen Leidensgeschichte, auch einer ganz persönlichen, als etwas Heldenhaftes betrachtet?
Natürlich könnte man begründen dies sei ein moralisch begründeter Tod gewesen, doch in erster Linie starben die Frauen, um kommendes Leid zu verhindern.

 

Ein Beispiel für einen Freitod, als letztes Mittel um für Werte und die Abschaffung von Privelegien zu kämpfen, war Emily Davison, eine englische Suffragrette. Sie wurde für ihr militantes Vorgehen im Kampf für Frauenrechte mehrmals inhaftiert. Um gegen die Misshandlung der mitinhaftierten Frauen zu kämpfen, versuchte sie sich umzubringen.

 

Das letzte Beispiel, an das sich bis heute noch jeder erinnern kann, ist der Anschlag auf das World Trade Center 2001. Auch hier führte von außen zugefügten Leid dazu, dass Menschen statt dem qualvollen Tod im Feuer, den Freitod wählten. Natürlich blieb ihnen in diesen unvorstellbaren Minuten keine Wahl, doch man wählt das, was einem selbst weniger qualvoll erscheint. Das klingt grausam, und doch ist es das Menschlichste was wir besitzen – Angst. Wer sich für den Freitod entscheidet, steht zwischen Skylla und Charybdis und erlebte vielleicht noch sehr viel schlimmere Dämonen und Ungeheuer. Die Psyche eines jeden Menschen ist nicht unendlich belastbar. In dem Wort „Individuum“ steckt die Erklärung, warum es uns nie gelingen wird, vollkommen in die Psyche eines anderen Menschen einzutauchen. Der Mensch ist nur zu seiner eigenen Reflexion im Stande, denn er ist sich nur seines Selbst bewusst. Eine nach Max Scheler begründete Theorie besagt, dass Pflanzen und Tiere nicht zu einer solchen Reflexion im Stande sind - sie bilden ein geschlossenes Kollektiv. Einfach gesagt: Sie denken nicht über sich selbst nach, sie folgen ihren Instinkten. Sie fragen sich nicht: Warum geht es mir schlecht?
Nun ist diese Fähigkeit gleichzeitig Gabe und Fluch, denn wir erkennen plötzlich die Grenzen der Belastbarkeit unserer Psyche. Wäre die Psyche eine Regentonne, könnten wir spüren, wann die ersten Tropfen über den Rand der Tonne schwappen. Woher diese Tropfen kommen, spielt da zunächst keine Rolle. Niemand trägt Schuld, wenn es jahrelang über einem regnet.

 

Selbstmord darf nicht verherrlicht werden. Doch die leichtfertige Verurteilung („ein Selbstmörder ist einfach ein schwacher Mensch“) durch Aussenstehende, ist ebenso leichtsinnig. Keinem Menschen wird es jemals gelingen, die Psyche eines Mitmenschen bis in die letzten Winkel zu sehen und zu erkennen. Niemand weiß wie voll, schwer, breit oder löchrig die Regentonne ist. Doch letztendlich kann man durchaus Einfluss auf die Witterungsverhältnisse nehmen, denn Selbstmord sollte für Niemanden das kleinere Übel sein.

 

Viele denken, man müsse nur einen Blick auf den Menschen legen, um dessen Handeln zu erklären. Doch in Wahrheit ist es ein Blick in den Menschen, der einem zeigt, wie stark er wirklich ist.