TRIGGERWARUNG: Schizophrenie, Persönlichkeitsstörung, Gewalt
Ich wünsche euch viel Spaß mit meiner ersten Kurzgeschichte:)
Samstag,20:34 Uhr – A19 Richtung Rostock
Der kühle Fahrtwind wirbelte mir durch die Haare. Ich blickte durch das halb geöffnete Autofenster auf das endlose Feld, das mit Strohballen übersät war. Mit einem tiefen Seufzer schloss ich die Augen und genoss das Rauschen des Windes und den milden Geruch von Dünger und Erde. Normalerweise sollte ich jetzt eigentlich vieles hinterfragen, wenn nicht sogar alles. Aber ich brauche diese letzten Minuten, einen dieser seltenen Momente ganz für mich allein.
„Mach das Fenster zu, es zieht“, unterbrach Erik meine Gedanken. Nachdem ich das Fenster hoch gekurbelt hatte, herrschte eine dumpfe Stille im Auto. Sein Blick war starr, nach vorne gerichtet. Dass er ernst guckte, wunderte mich nicht. Aber da war auch noch was anderes in seinem Blick, das ich nicht einschätzten konnte. Neben ihm funkelten die Scheinwerfer der entgegenkommenden Autos über die Autobahn. Zwar waren noch ein paar Sonnenstrahlen zu sehen, aber die versteckten sich hinter dicken, grauen Wolken.
„Noch etwa 15 Minuten vielleicht. Eine genaue Wegbeschreibung haben wir ja nicht wirklich bekommen, stimmt‘s?“ Er linste zu mir rüber, ich nickte vorsichtig. Obwohl das Fenster geschlossen war, schauderte ich bei dem Gedanken an unser Ziel. Meine innere Ruhe verflog innerhalb von Sekunden. Am liebsten hätte ich dieses Gefühl einfach zu Seite geschoben, aber es grub sich schon seit Tagen unter meine Haut und nistete sich ein wie ein bösartiger Parasit.
Und der einzige Grund warum ich das alles tat saß neben mir auf dem Fahrersitz.
Das Rauschen der vorbeifahrenden Autos entfernte sich als wir von der Autobahn abfuhren. Nach wenigen Kilometern beleuchteten die Scheinwerfer das gelbe Ortsschild „Tehlheim“. Links und rechts tauchten vereinzelte Einfamilienhäuser auf, ein kleiner Spielplatz und mehrere Parkbänke. Diese Stille war beruhigend, doch war ich nicht daran gewöhnt. In Berlin wachte ich mich Lärm auf und schlief mit ihm ein. Eine leerer Bürgersteig oder gar eine leere Straße waren unvorstellbar. Dörfer hatten etwas unbeschwertes, etwas leichtes, was es so in der Stadt nie geben würde.
Als die nächsten Felder und das Ortsende schon in Sicht war, bogen wir in einen kleinen holprigen Feldweg ein. Ich beugte mich vorsichtig nach vorne und erkannte die Umrisse eines großen Gebäudes. Wir kamen auf einen asphaltierten Parkplatz, auf dem zwei andere Autos geparkt hatten.
„Ich weiß nicht, ob ich das kann“, versuchte ich einen letzten Schritt zu wagen, ihn noch umzustimmen. „Ich hab viel darüber gelesen und ich hab wirklich Angst, dass ich vielleicht…“
„Vielleicht was?“ Er hatte sich zu mir herübergelehnt, mit einem Arm auf dem Lenkrad. Sein Blick war starr, wie schon auf der Autobahn. Nur war er jetzt auf mich gerichtet. Wahrscheinlich wollte ich es mir nicht eingestehen, doch er konnte unglaublich einschüchternd sein.
„Ich hab das alles gemacht weil ich möchte, dass es dir besser geht. Aber du lehnst alle meine Versuche dir zu helfen ab.“ Während er das sagte, strich er mir durch die Haare und gab mir einen Kuss auf die Stirn. Ich genoss jede seiner zärtlichen Berührungen. Ich lehnte mich gegen seine Brust während er mir langsam über den Rücken strich. Ich zog den Geruch von seinen Tourbillon Zigarillos und seinem Aftershave ein, als wäre es eine Droge. Mit neu geschöpften Mut drehte ich mich um und stieg aus dem Auto. Während ich über den Parkplatz auf das Gebäude zuging, spürte ich wie mich seine Augen weiter verfolgten.
Er hatte Recht denn ich wollte nichts lieber, als es loswerden. Doch etwas sagte mir, dass ich den falschen Weg ging.
Am Gebäudekomplex angekommen blieb ich an einer Stahltür stehen. Mir fiel das weiße Schild an der grauen Fassade mit der Aufschrift „Dr.med.Klein, Medizinforscher“ auf. Gerade als ich mein Handy zücken wollte, wurde mir die Tür geöffnet. Ich blickte in das Gesicht einer Frau mittleren Alters, die mir die Hand ausstreckte. Ich tat es ihr gleich.
„Lena Beck?“, fragte sie mich. Ich bejahte und folgte ihr ins Gebäude. Wir gingen einen langen Flur entlang, der stark nach Desinfektions-und Reinigungsmittel roch, ein Geruch, der bei mir sofort Übelkeit hervorrief. Der sterile Flur war ungewöhnlich dunkel, weshalb ich nur schwer die kleinbedruckten Schilder an den Holztüren des Ganges lesen konnte. Im Vorbeigehen erkannte ich nur „Labor“ und „Haustechnik“. Trotz des freundlichen Empfangs spürte ich nach wie vor starkes Unbehagen, sogar noch heftiger als vor der Tür. Es war als ob tausend kleine Insekten meinen Rücken hoch krochen und sich in meine Haut einnisten. Jemand beobachtete mich. Immer noch.
„Sind Sie Dr.Klein?“, fragte ich leise, um mich von diesem Gefühl ab zu lenken. „Nein“, antwortete sie lächelnd. „Aber er kommt gleich. Solange würde ich Sie bitten, hier zu warten.“ Sie öffnete eine Tür auf der rechten Seite des Flurs mit der Aufschrift „Behandlung 1“
Es sah aus wie ein typisches Arztzimmer. Ein weißer Schrank und daneben eine Kommode mit gestapelten Packungen von Plastikhandschuhen, zwei Metallschalen und mehrere Medikamentenschachteln mit der Aufschrift „Criterion“. Über der blauen Patientenliege hing ein Plakat auf dem Herz, Arterien und Venen abgebildet waren. Es gab kein Fenster und die Beleuchtung war trüb, was mein Unwohlsein noch bestärkte. Ich wartete einige Minuten, bis ich im Flur eine Tür zuschlagen hörte. Darauf näherten sich Schritte, mein Herzschlag beschleunigte sich. Die Schritte waren gleichmäßig und hallten durch den gesamten Flur. Ich schloss meine flatternden Augenlider und zählte bis fünf. Als ich die Augen wieder öffnete, waren die Schritte im Flur verstummt. Dann ging das Licht aus. Stille – für ein paar Sekunden. Die Schritte setzten wieder ein, jetzt schneller und ungleichmäßiger. Nach einem weiteren Stopp schien es, als würden die Schritte sich plötzlich vervielfachen. Es klang jetzt wie ein Tier mit vier patschigen Beinen, das sich taumelnd den Weg zu mir bahnte und…
„Was ist los?“, fragte mich der Mann, der eben durch die Tür gekommen war. „Sie sehen aus, als hätten Sie einen Geist gesehen.“
Damit hatte er wahrscheinlich nicht so Unrecht. Mir war plötzlich stechend heiß geworden und ich war aufgestanden, ohne es überhaupt gemerkt zu haben. Mein Herz schlug so stark, dass meine Schläfen pochten. Doch zugleich spürte ich eine Art Ruhe, ein bisschen wie beim Austeigen aus einer Achterbahn. Ich wusste, dass es demnächst passieren muss.
Der Mann im hellbauen Hemd stellte sich als Dr. Klein vor. Seine blauen Augen musterten mich interessiert, während er sich einen Stuhl heranzog.
„Ich habe hier ihre Krankenakte, Frau Beck. Schizoaffektive Störung? Hier steht die leiden zudem an Depressionen“, fragte er mich.
„Ehm..Nein, das weiß man noch nicht genau. Woher haben sie meine Krankenakte?“, fragte ich vorsichtig.
„Erik Hansen hat sie mir via Mail geschickt. Ihr Lebensgefährte hat auch bereits die Geheimhaltungsvereinbarung unterschrieben - Bitte.“ Er legte mir beiläufig ein Dokument auf den Schoß und hielt mir einen Kugelschreiber entgegen. „Auf der untersten Linie“
Mein Bauch zog sich zusammen bei dem Gedanken wie Erik in meinen Unterlagen wühlte. Warum ließ ich das zu?
Unter den drängenden Blicken von Dr. Klein setzte ich den Stift an und unterschrieb. Es fühlte sich an als hätte mir jemand meinen Willen geraubt. Zugleich konnte ich mir aber auch nichts schlimmeres vorstellen, als das, was ich die letzten Monate erlebt hatte.
„Hier steht ihr Krankheitsbild verläuft in mehreren Episoden mit zunehmendem Defiziten“, unterbrauch Dr. Klein meinen Gedankengang, „Hatten Sie heute schon Halluzinationen oder das Gefühl, verfolgt oder beobachtet zu werden?“
„Nein“, log ich. Er musste nicht alles wissen. Doch als wäre das sein Stichwort gewesen, kratzte er sich am Bart und legte seinen Kopf in den Nacken. „Ich glaube Ihnen nicht. Es ist sehr wichtig, dass Sie dieses Medikament vor der nächsten Phase nehmen. Verstehen Sie?“ Ich nickte beiläufig.
Das wäre der neunte Versuch. Nach Risperidon, Clozapin und all dem anderen Scheiß. Nichts hat mir auch nur im Geringsten geholfen. Ich fühlte mich gefangen wie ein Tier in einem Versuchslabor.
Nach der Blutabnahme drückte er mir eine kleine lila Schachtel in die Hand.
„Zwei Mal täglich-und bitte halten Sie mich auf dem Laufenden.“
Ich ging den langen Flur zurück. Auf dem Parkplatz lehnte ich mich gegen die schwere Stahltür und genoss das kalte Metall auf meinem pulsierenden Hinterkopf.
Mir schossen Tränen ins Auge, bei dem Gedanken, gleich wieder neben Erik im Auto zu sitzen. Bei dem Gedanken an die nächsten Tagen und mit der Überzeugung, dass auch dieses Medikament nicht wirken würde.
„Nimm eine, los“, flüsterte die Erste von Sechs.
Mit den Worten nahm ich die erste Pille.
Montag, 04:13 – Berlin
Ich weiß gar nicht, wie lange ich die weiße Decke über mir schon anstarrte. Es müssen Minuten vergangen sein, oder Stunden? Meine Augen fühlten sich schwer an, aber ich wusste, dass ich nicht einschlafen durfte. Mich zog es immer wieder zur Tür, die nur einen Spalt geöffnet war. Dahinter verborg sich tiefe Dunkelheit. Ich zwang mich, meinen Blick von der Tür abzuwenden und guckte auf meinen Nachttisch. Im diffusen Licht schillerte die kleine lila Schachtel. Mittlerweile verspürte ich weder Enttäuschung noch Trauer. Ich fühlte mich leer und ausgelaugt. Diese Pillen waren wie Salz in einer Wunde, aber sie nicht zu nehmen, wäre wie Krieg ohne Waffen.
Um mich von dem Gedanken abzulenken, legte ich mich auf die Seite und schmiegte mich an Eriks Brust. Doch gleichdarauf drehte er sich schnaubend um. Manchmal hatte ich das Gefühl er würde sich instinktiv jeglicher Berührung und Zuneigung entziehen. Gerade wenn ich sie umso mehr brauchte.
Frustriert tastete ich neben dem Bett nach meinem Handy. Das Licht des Bildschirms blendete so stark, das ich schlagartig die Augen zusammenkniff. 4:13 Uhr konnte ich blinzelnd noch ablesen. Nachdem ich mich an das Licht gewöhnte konnte ich die erste Benachrichtigung lesen.
„Wecker klingelt in 2 Stunden und 47 Minuten“
Ich seufzte leise.
Dann fiel mein Blick auf die Zweite.
Neue Nachricht von Mama
„Hallo mein Schatz. Kommst du morgen zum Essen? Jan ist auch da.“
Während ich diese Nachricht las wurde mir plötzlich klar, wie lange ich sie nicht mehr gesehen hatte. Seit ich bei Erik wohnte, sah ich Mama und Jan nur noch sehr selten. Dabei waren unsere Abendessen eigentlich Tradition.
Wahrscheinlich würden die beiden wieder über irgendein belangloses Thema streiten. Es gab immer etwas, das einem der beiden nicht passte. Trotzdem schafften wir es immer am Ende mit einer Folge „Goodnight, Beantown“ lachend vor dem Fernseher zu sitzen. Ja, ich vermisste sie. Ich genoss einen Moment das wohlige Gefühl, wenn ich an ihre Umarmung dachte. Eine sichere Geborgenheit, die ich so bei niemand anderem empfand. In Vorfreude auf den Abend, entsperrte ich mein Handy und sagte ihr zu. Vielleicht war das genau das was ich jetzt brauchte.
Ein Geräusch riss mich aus meinen Gedanken. Es war ein leises Scharren auf Holz und wie um meine Angst zu bestätigen, kam es aus dem tiefen Schwärze hinter der Tür. Etwas war im Flur, das konnte ich mir nicht einbilden. Das Geräusch war eindeutig da. Und es wurde immer lauter. Panisch schreckte ich hoch und krallte die Fäuste um die Bettdecke. Obwohl es noch nicht durch die Tür gekommen war, konnte ich es riechen. Es war ein modriger Geruch, wie eine Mischung aus faulen Eiern und Erbrochenem. Ich spürte, wie sich mein Magen umdrehte, zugleich bekam ich eine Gänsehaut, die sich auf dem ganzen Körper ausbreitete. Vor meinem inneren Auge sah ich eine grinsende Fratze mit weißen Augen, die auf dem Flur rumkrabbelte. Gleich würde es hereinkommen, über die Wände ins Bett kriechen. Während das Kratzen lauter wurde, umklammerte ich die Bettdecke immer stärker. Ich machte mich auf das bereit was gleich durch diese Tür kommen würde und…
„Was ist los?“ – Erik saß plötzlich kerzengerade neben mir und hatte das Licht eingeschaltet.
Ich wollte ihn warnen, auf die Gefahr hinweisen, aber aus meinem Mund kam nur wirres Gestotter. Alles an mir fühlte sich an wie gelähmt, mein Körper gehorchte mir nicht mehr.
„Du bist verwirrt, schlaf weiter, ja?“, sagte er und legte mir eine Hand auf die Schulter.
Verwirrt? Nein, das gerade war wirklich passiert. Etwas war dort draußen gewesen, und vielleicht war es immer noch da. Mit einem tiefen Atemzug versuchte ich mich zu beruhigen, um ihm alles zu erklären.
„Du musst mir vertrauen, da draußen ist etwas. Ein Tier, oder so etwas. Hörst du denn das Kratzen nicht? Riechst du das nicht? Ich bin doch nicht verrückt, das musst du doch auch merken!“, versuchte ich ihn verzweifelt zu überzeugen. Dabei spürte ich, wie Tränen in mir hochstiegen. Gott, ich hatte so unendlich Angst um uns. Um ihn.
„Du wirst jetzt schlafen.“ Sein Tonfall erschreckte mich, er war harsch, mit kaum verborgener Wut. Dennoch konnte ich ihm nicht böse sein. Ich hatte ihn geweckt, mitten in der Nacht. Mein Grund war für ihn offensichtlich nicht erkennbar, trotz aller Not konnte ich nicht zu ihm durchdringen. Er stand auf und schloss die Tür. Und das war es. Danach legte er sich wieder ins Bett und machte das Licht aus – als wäre alles völlig normal.
Minutenlang starrte ich noch auf Tür, während ich spürte wie es wieder im meinem Hinterkopf anfing zu pochen. Zu der Angst kam noch ein anderes Gefühl. Abgrundtiefe Einsamkeit, denn ich spürte, er wird mich nicht beschützen. Er würde einfach ruhig weiterschlafen, wenn etwas langsam durch diese Tür käme und am Bettgestell hochkroch, unter unsere Decke.
Montag, 6.30 Uhr – Berlin
Meine Hände umfassten die heiße Tasse Kaffee und ich spürte, wie meine kalten Finger langsam warm wurden. Neben dem leisen Radio in der Küche, hörte ich draußen nur einen Containerzug über die Gleise rattern. Das Geräusch bereite mir Kopfschmerzen. Ich versuchte meine Beine unter dem Tisch auszustrecken, aber sie fühlten sich schwer und leblos an. Vor Erschöpfung fielen mir die Augen ständig zu. Der schrille Wecker hatte jeden Versuch, mich von dieser Nacht zu erholen, jäh beendet. Mit dem Gedanken an den begonnen Tag erreichte meine Laune den Nullpunkt. Ich fühlte mich leer und aufgebraucht.
Als ich hochschaute, schreckte ich kurz auf. Erik stand an der Anrichte und schaute mich mit einem leicht besorgten Blick an. Immer noch in Boxershorts und einem ausgewaschenen Metallica T-Shirt in Schwarz. Seine dunklen Haare hingen schlaff und strähnig an ihm runter. Langsam drehte er die Lautstärke des Radios herunter und setzte sich mir gegenüber an den runden Tisch. Für einen kurzen Moment sahen wir uns nur schweigend in die Augen. Manchmal war ich einfach nur fasziniert von diesen Augen, die so braun waren, dass sie fast schon schwarz wirkten. Ein kleiner Teil von mir hoffte ein Stück Reue oder Mitleid zu erkennen, aber da war nichts. Es war ein teilnahmsloses Starren. Während er sich mit dem Daumen über die Lippen fuhr, stockte er kurz.
„Du weißt ,dass es mir leid tut“, sagte er, ohne mich dabei aus den Augen zu lassen. Allein das führte dazu, dass ich den Kopf senkte und der Griff um meine Tasse sich verstärkte. Er strich mir eine Strähne aus dem Gesicht und küsste sanft meine Stirn als er wieder aufstand.
Leise seufzte ich auf. Wir waren bereits über zwei Jahre zusammen und ich konnte mich immer noch nicht an seine Art gewöhnen. Es war nie seine Schuld wenn er mich abwies, wer würde das nicht, wenn er mit einer Verrückten zusammen wäre.
„Schreibst du dem Doktor bitte heute Abend?“, sagte er während er sich eine Zigarette anzündete. „Ich kann das ja schlecht machen.“
Die Kaffeemaschine brummte, während er im Kühlschrank umherwühlte. Ich nickte langsam - angewidert bei dem Gedanken, dass ich heute noch zwei Pillen nehmen musste.
„Gestern ist noch was für dich angekommen“. Er warf einen brauen Umschlag auf den Tisch. Als ich den Absender las, wurde ich schlagartig nervös. Vor einer Woche hatte ich ein Vorstellungsgespräch bei dem Kindergarten um die Ecke. Es war sicher kein schöner - weder eine idyllischen Spielwiese noch einen richtigen Spielplatz. Draußen standen lediglich eine verrostete alte Schaukel und zwei kleine Tore. Niemand der sein Kind liebt, würde es dahin schicken. Doch für mich gab es eigentlich keine Alternative mehr. Anfangs war ich unglaublich motiviert, eine Ausbildungsstelle zu finden. Kinder machten die Welt ein Stück besser, ihre Unbeschwertheit hat mich immer fasziniert. Als würde auf ihnen nichts lasten. Sie denken noch nicht darüber nach, jemanden zu gefallen oder ernst zu sein. Zudem sind die gnadenlos ehrlich. Wer ist das schon noch?
Ich öffnete den Umschlag mit meinem Brotmesser und entfaltete hastig den Brief.
Vielen Dank für Ihren Besuch und das interessante Gespräch bei uns.
Leider können wir Ihnen die Stelle nicht anbieten, da Ihr Qualifikationsprofil nicht mit unseren Anforderungen übereinstimmt. Da wir eine pädagogische Einrichtung sind, ist es uns nicht gestattet, Bewerber mit ihrem Krankheitsprofil einzustellen. Es tut uns leid, dass wir Ihnen keine positive Nachricht geben können.
Wir bedanken uns nochmals für Ihre aufgewendete Zeit. Für Ihre private und berufliche Zukunft wünschen wir Ihnen alles Gute.
Natürlich, die Absagen waren fast immer gleich. Enttäuscht knüllte ich das Papier zusammen und schmiss es in den Mülleimer. Auf ihre guten Wünsche konnte ich verzichten. Selbst der schlimmste Kindergarten in Kreuzberg lehnte mich ab. Auch wenn das nur eine von vielen Absagen war, wurde ich unglaublich wütend. Die Wut kochte in mir hoch und erfüllte meinen ganzen Kopf. Ich hatte plötzlich den Wunsch, etwas zu zerschlagen, laut zu schreien – aber Erik stand noch an der Anrichte. Seelenruhig, mit seinem Kaffee in der Hand und eine Kippe im Mund tippte er auf seinem Handy herum. Plötzlich erfüllte mich der Gedanke, auch ihm weh zu tun. Mit einem tiefen Atemzug versuchte ich meine Wut zu kontrollieren. Ich spürte wie mir schwindelig wurde, meine Lider flatterten. Als Erik das bemerkte, musterte er mich mit seinem starren Blick. Langsam kam er zu mir rüber, und fing an meine Schulter zu streicheln.
„Und?“
Ich atmete tief durch und erzählte ihm von der Absage und ihren Formulierungen. Danach hielt er mir seine Zigarette hin. Während ich rauchte war es ganz still in der Küche. Er muss das Radio ausgemacht haben, ohne dass ich es bemerkte. Mein schlechtes Gewissen quälte mich, als er mir einen Kuss auf den Scheitel gab. Das war seine Art sich zu entschuldigen und ich war ein paar Sekunden vorher noch grundlos wütend auf ihn gewesen.
Mein Kopf dröhnte immer noch, als wäre ein enges Band darum gespannt. Während ich mir die Schläfen massierte drehte er sich zur Waschbecken um seine Tasse auszuspülen. Sein nächster Satz kam so unvermittelt, dass ich erst meinte, mich verhört zu haben. „Das hast du verdient, du Hure“
Er flüsterte es nur, nuschelte es fast. Es war so als hätte er es mir direkt ins Ohr geflüstert, aber er war auf der anderen Seite des Zimmers. Trotzdem konnte ich jedes Wort verstehen. Geschockt sah ich zu ihm auf.
„Was?“
„Ich hab gesagt, dass du das nicht verdient hast, Schatz“, antwortete er mir ruhig.
„Nein, ich habe genau gehört was du gerade gesagt hast. Wieso machst du das?“ Das konnte er nicht ernst meinen. Wieso sagte er sowas zu mir?
Reflexartig stiegen mir die Tränen in Augen, ich konnte sie nicht mehr zurück halten. Ich fühlte mich unglaublich verletzt – dabei wurde mir wieder schwindelig. Ich sah alles nur noch verschwommen und unklar – auch das Messer, dass Erik in der Hand hielt als er sich zu mir umdrehte. Sofort wollte ich anfangen, laut nach Hilfe zu schreien aber aus meinem Mund kam kein Laut. Ich war wie gelähmt, starr vor Angst. Mein Herz hämmerte in meiner Brust, als wollte es rausspringen. Ich wusste nicht mehr, was ich denken sollte. Während ich meine Augen zusammen kniff, hörte ich ein Scheppern auf Metall und Schritte, die sich mir nährten. Er hielt meine Schultern und ich versuchte mich von seinem Griff zu befreien. Seine Hände fühlten sich kalt und schweißig an.
„Du musst dich beruhigen, du atmest zu viel“. Seine Stimme hallte in meinem Kopf, als würde sie von weit weg kommen. Langsam schaffte ich es, meine Atmung wieder zu kontrollieren. Sie zitterte noch, aber ich musste nicht mehr nach Luft schnappen. Erik hatte trotz meines Widerstandes nicht von mir abgelassen. Zusätzlich legte er eine seiner Hände auf meinen Brustkorb, seine Ringe fühlten sich eisig an.
„Hierhin musst du atmen, ganz langsam“. Meine Angst zog sich zurück, als ich die Augen öffnete und ich wieder klar sehen konnte. Dann bemerkte ich, dass er das Messer in die Spüle geschmissen hatte. „Was wolltest du damit?“, fragte ich immer noch mit zittriger Stimme.
„Es abspülen, was denn sonst?“, antwortete er. „Hör zu, ich weiß, dass es dir mit dem neuen Medikament nicht gut geht. Trotzdem musst du das jetzt durch stehen. Du bildest dir so viel einfach nur ein, verstehst du das? Dein Verstand spielt dir Streiche. Ich habe dich nie beleidigt, ich habe ganz normal mit dir gesprochen, mein Schatz.“
Er gab mir einen sanften Kuss und verschwand im Nebenzimmer. Einige Zeit später kam er wieder angezogen in die Küche und warf sich seine Lederjacke um die Schultern.
„Meine Vorlesung beginnt um acht, ich muss los.“
Mit diesen Worten zog er die Haustür hinter sich zu. Ich saß nur noch da, leer und mit einem einzigen, verwirrenden Gedanken. Ich hatte ihm nicht gesagt, dass er mich beleidigt hat.
11:12 Uhr, Edeka – Kreuzberg
Bedrückt packte ich die Konservendosen in das Regal. Erst Rind, dann Schwein und Huhn in Tomatensauce. Die Nacht ohne Schlaf, machte mir zu schaffen. Meine Arme fühlten sich bei jeder Bewegung schwer und schlaff an. Mein ganzer Körper sehnte sich nach Schlaf – auch meine Augen, die ständig unkontrolliert zuckten. Dabei ging meine Schicht noch über vier Stunden. Vier Stunden in diesem beschissenen Job, vor diesen beschissenen Regalen. Abgesehen von dem miesen Lohn war diese Arbeit eine einzige Demütigung. Erik saß in der Uni und stand kurz vor seinen Prüfungen. Jan wurde vor ein paar Wochen befördert und saß in einer Steuerkanzlei irgendwo in Oranienburg. Am meisten schämte ich mich vor Mama. Selbst wenn sie nie was verlangte oder viel erwartete, konnte ich ihr nicht in die Augen sehen, wenn sie mich fragte wie die Jobsuche läuft.
Ich nahm mein Handy aus der Hosentasche und schaute hoffungsvoll auf die Uhr, aber die Minutenanzeige schien seit Ewigkeiten gleich. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich eine alte Frau, die zu mir rüber schaute. Ihr dünnes, graues Haar fiel ihr bis auf die Schultern und sie trug einen braunen Poncho. Für einige Sekunden musterte sie mich von unten bis oben. Dann sah sie mir grimmig in die Augen und drehte sich kopfschüttelnd in Richtung der Regale. Hatte ich mich auffällig benommen? Doch als ich auf meinen schwarzen Handybildschirm starrte, wurde mit klar weshalb sie mich so anschaute. Ich erkannte mich selbst in der Spiegelung des Handys kaum wieder. Die Augen waren blutunterlaufen, meine Haare zerzaust und ungekämmt. Ich hatte vergessen, mich fertig zu machen, bevor ich das Haus verließ. Oder besser gesagt, ich hatte es nicht gekonnt. Ich fühlte mich einfach zu schwach, und interessieren würde es auch niemanden. Doch als die Frau mich ansah, erfasste mich tiefe Scham.
Schnell steckte ich mein Handy zurück in die Hosentasche. Die Müdigkeit verging auch nicht, als ich die Dosen weiter stapelte. Während die Zeit immer langsamer verging, breite sich die Leere in mir immer weiter aus. Ständig versuchte ich die Niedergeschlagenheit weg zu drücken, aber mein Energievorrat war vollkommen aus geschöpft. Ich schloss die Augen in der Hoffnung, dass ich woanders wieder auf wachen würde.
16:15, Berlin Südstern (U-Bahn Station)
Die Durchsage am Bahngleis dröhnte in meinem Kopf, als sie die nächste U-Bahn in Richtung Hermannstraße ansagte. Während ich am Bahnsteig wartete, betrachtete ich gegenüber, die große Plakatwand. Darauf war eine Familie abgebildet, wie sie im Bilderbuch steht. Eine junge, hübsche Mutter mit ihrer Tochter an der Hand und ein Vater, der seinen Sohn auf den Schultern trug. Natürlich war ihr Lachen falsch. Genau wie die künstliche grüne Wiese auf der sie liefen. Vor Ihnen schwebte eine goldene Margarinepackung: „Alsan. Feinste Margarine aus Schleswig-Holstein“.
Mein Blick fiel wieder auf den Vater, dessen Hals von seinem Sohn umschlungen waren. Er hatte schwarze Locken, einen gestutzten Vollbart und ein kariertes Hemd an. Solche hat mein Vater tatsächlich immer getragen, meistens halb offen. Wenn ich an ihn dachte, dann sah ich meistens nur ein Bild. Ich sah seine Silhouette in einem Türrahmen stehen, wahrscheinlich ein Zimmer unserer alten Wohnung. Er redete gerade mit jemanden im Raum und sah dabei ziemlich wütend aus. Das war alles. An mehr erinnerte ich mich nicht. Bestimmt würde Mama mich umbringen, wenn sie wüsste, dass ich mich überhaupt noch an ihn erinnern kann. Er ist gegangen als ich drei war.
Jan war sechs. Aber weder Mama und Jan wollten mir erzählen warum.
Mein Gedanke wurde von dem kreischenden Zug unterbrochen, der mir die Sicht zum Plakat versperrte. Vielleicht war es auch besser so. Als sich die Türen öffneten, quetschte ich mich an einer einem Kinderwagen vorbei und sah, dass noch ein Platz am Fenster frei war. Ich schob mich zwischen Bänken vorbei und ließ mich schwermütig auf den Sitz fallen. Um an meine Kopfhörer zu kommen, klempte ich mir meinen Rucksack zwischen die Beine. Gerade als ich sie entfalten wollte, hörte ich den ersten Satz. Ganz leise, geflüstert und sanft.
Du weißt, was er getan hat
Ich kannte diese Stimme, sie fast immer die Erste. Sie war so leise, dass ich sie manchmal nicht verstand. Doch diesmal war jedes Wort unglaublich klar.
Er hat dir weh getan, überall Nein, ich will sie nicht in meinem Kopf. Ich kniff die Augen ganz fest zusammen und hielt mir die Ohren zu, wie ein kleines Kind. Doch plötzlich kam die dunkle dazu, sie klang rau und scharf.
Hure, du verdammte Hure.
Nein.
Du bist wertlos, jeder hasst dich.
Sie prasselten plötzlich alle auf mich ein, wie ein heftiger Regenschauer. Als wir nach draußen fuhren, konzentrierte ich mich auf die Gleise neben dem Zug.
Da solltest du hin springen, los, bring dich um.
Wir fuhren in einen Tunnel und plötzlich wurden die Scheiben schwarz. Ich sah nichts mehr außer mein eigenes, zerzaustes Spiegelbild, das mich ängstlich anstarrte.
Ich bin über dir.
Fassungslos schaute ich über meinen Kopf und erstarrte. Im Spiegel sah ich eine schwarze Silhouette, abgemagert und weit aufgerissenen Augen. Es starrte mich an, bewegungslos. Dann fing es an, zu lachen. Es hatte ein grausames, weit aufgerissenes Maul mit tausend blutigen Zähnen durch die sich fette Maden streckten.
Lena.
Als es seinen Arm nach mir ausstreckte, wachte ich auf und fuhr herum. Ich fing an mit den Händen um mich zu schlagen, mich in den Sitz zu pressen. Aber dort war nichts, es war plötzlich weg. Die Stimmen hörte ich auch nicht mehr. Das einzige was ich noch hörte, war mein hämmerndes Herz und mein schwerer Atem. Alles was ich noch sehen konnte, waren die Blicke der anderen Fahrgäste, die mich verstört betrachteten. Andere schauten weg und blickten nur kurz auf. Ein Mann im karierten Polohemd sah mich besonders abwertend an. Er saß im Vierer neben mir und schüttelte eingehend den Kopf.
„Sie sind doch noch so jung“, sagte er vorwurfsvoll.
„Ich.. Ich nehme keine Drogen“, versuchte ich mich verzweifelt zu wehren. „Hören Sie, ich bin krank, das war wirklich keine Absicht.“ Aber er hatte sich schon weggedreht und seinen Kopf in einer Zeitschrift gesenkt.
Verdammte Scheiße, wenn ich nicht mal die Chance habe mich zu erklären, wie soll ich dann jemals akzeptiert werden? Ich fühlte mich so unglaublich missverstanden, als wäre plötzlich die ganze Welt gegen mich.
Ich habe so Angst, und niemand sieht das.
Montag 22:29 Uhr – Berlin
Das Plastik knackte als ich letzte Tablette für den Tag rausholte. Ich spülte sie mit einem Schluck Wasser runter und griff zu meinem Laptop.
Widerwillig öffnete ich mein Postfach während ich mich in unsere Bettdecke kauerte. Natürlich hatte ich keine Ahnung wie ich Dr. Klein erklären sollte, dass dieses Medikament der letzte Schrott ist und ich eigentlich überhaupt gar nicht mehr zu einer Untersuchung kommen möchte. Tatsächlich fühlte ich mich selten so schlimm, wie mit dem neuen Medikament. Es war fast so als würde es alles noch viel schlimmer machen. Oder als wäre dort kein Hemmstoff drin, sondern Halluzinogene. Als wären sie keine Hilfe, sondern pures Gift, das ich täglich nehme.
Ich drehte die kleine Schachtel in meiner Hand und las mir die Inhaltsstoffe durch, die seitlich auf die Packung gedruckt wurden. Pipamperon, Clozapin, Risperidon... Aus Neugier tippte ich den ersten Inhaltsstoff in die Google-Suchleiste und klickte auf den ersten Link. Es war ein Artikel über die Vorteile und die Anwendung des Medikaments, aber auch über die Risiken. Meine Augen überflogen die Seite aber ich konnte den Teil über die Risiken nicht zu Ende lesen, da Erik ins Bett kam. Er drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus und legte sich unter die Decke.
Mir wurde plötzlich eiskalt. Seine Worte lagen mir noch auf dem Magen. Trotzdem wollte ich ihm von meinen Gedanken erzählen, in der Hoffnung, dass er mich verstehen würde. Meine Erlebnisse von diesem Tag wollte ich allerdings für mich behalten.
„Schau mal, ich hab hier einen Artikel gefunden. Der sagt, dass einer der Inhaltsstoffe ziemliche Nebenwirkungen haben kann.“ Aber er schaute mich nur irritiert an.
„Denkst du nicht, dass er mir das vielleicht…naja..mit Absicht verschrieben hat? Eine Art Experiment?“
Plötzlich fing er an zu lachen, als hätte ich einen lustigen Witz erzählt.
„Was? Eine riesen Verschwörung mit der Firma Beyer, denen Tierversuche zu langweilig wurden?“ , lachte er heiter.
Er behandelte mich wie ein naives Grundschulkind, dem man noch nicht zu traut, alleine vor die Tür zu gehen. Als er meinen ernsten Blick sah, versuchte er mich scheinbar auf zu muntern.
„Nur weil es dir mit dem Medikament schlechter geht als sonst, musst du nicht sofort wieder irgendwelche Theorien aufstellen. Niemand will dich umbringen oder vergiften. Du kannst nicht klar denken.“ Er klappte meinen Laptop zu und legte ihn auf den Nachttisch. „Der kommt auch erstmal weg.“ Dann fing er an, mein Bein mit seiner kalten Hand zu massieren.
„Du stresst dich zu viel“, sagte er und küsste mich langsam am Hals. Dafür hatte ich jetzt keinen Kopf. Deswegen versuchte ich mich langsam von ihm weg zu ziehen. Aber seine Küsse wurden intensiver und sein Griff immer fester.
„Lass das, ich will jetzt nicht“, sagte ich bewusst. Doch ich bereute es wieder als seinen verärgerten Blick sah.
„Achso?“, antwortete er monoton und beugte sich über mich. Ich griff in die Bettdecke, da ich nicht wusste, mit was ich rechnen sollte. Für ein paar Sekunden starrte er mich einfach nur an, ohne etwas zu sagen. „Dann wünsche ich dir mal eine gute Nacht, ich hoffe du schläfst gut“
Er konnte seinen Vorwurf nicht verstecken denn plötzlich ich hörte seinen Spott raus. Natürlich wusste er, dass ich nicht gut schlafen werde.
Daraufhin drehte er sich zurück auf seine Seite und schaltete das Licht aus.
Dienstag, 16:48 – Edeka
Während ich die Kartons im Lager stapelte, fielen mir ständig die Augen zu. Mein Kopf war so schwer, dass er drohte mir von den Schultern zu fallen. Die ganze Nacht hatte ich nur auf die Tür gestarrt und darauf gewartet, dass sie sich öffnet. Ich konnte nicht gegen die Angst ankämpfen – genau so wenig wie gegen die Müdigkeit. Für ein paar Minuten fielen mir die Augen zu und träumte von einer straken Händen, die mich ins Bettlacken zwangen. Ich erkannte kein Gesicht, doch die Vorstellung an den Traum löste in mir Unbehagen aus. Erik hatte mich morgens am Arm gepackt und mich aus dem Bett gezogen. Dann fuhr er mich bis zum Parkplatz, um sicherzugehen, dass ich auch wirklich zur Arbeit ging.
Mühlevoll schleppte ich die Kartons mit den vollen Milchtüten in den Laden und räumte sie ins Regal. Dabei durchzuckte mich ein Schmerz in meinem Oberarm, den ich allerdings gekonnt ignorierte. Zusätzlich bemerkte ich einige Blicke um mich herum. Wenn ich mich zur Seite drehte, schaute mich immer ein Kunde an. Meistens drehten sich die Köpfe wieder, wenn ich zurückschaute. Doch aus den Augenwinkeln konnte ich sehen, wie penetrant sie mich anstarrten. Ich glaube eine junge Mutter zu sehen, die ihr kleines Kind zu Seite zog, als sie an mir vorbeigingen. Aus trotz starrte ich angewidert zurück, denn anders hätte sie es nicht verdient.
„Kasse 3, bitte“, knirschte es aus den Lautsprechern. Ein paar Sekunden später kam Rita aus dem Lager gesprungen.
„Hey ist alles gut bei dir?“, fragte meine Kollegin besorgt als sich unsere Blicke trafen.
„Du siehst total blass aus“
Sie musterte mich von oben bis unten mit einem verwirrten Blick. Irgendwie war sie mir nie sympathisch gewesen. Im Prinzip war sie der Ich-weiß-alles-besser-Prototyp. Die baldige BWL-Studentin, die nach ihrem 450€ Job erstmal mit ihren Rassengefährtinnen einen saufen geht.
„Keine Ahnung was mit den Leuten ist. Die starren mich alle an.“ Letzteres flüsterte ich, um sicher zu gehen, dass mich niemand hörte. Ich hoffte, dass sie sich mit dieser Erklärung zufrieden geben würde. Doch sie drehte nur verwundert ihren Kopf in alle Richtungen. Kurz darauf lächelte sie und zog ihre Augenbrauen demonstrativ nach oben.
„Nein, nicht wirklich.“ Ihre ironische Art machte mich schlagartig wütend. Warum muss man mich denn verdammt nochmal immer auslachen?
„Bist du blind oder so? Schau sich doch mal um!“ Meine Worte platzten einfach so aus mir heraus und ich konnte nicht dagegen ankämpfen. Ehrlich gesagt wollte ich das auch nicht. Es tat gut, nicht mehr alles in mir aufzustauen.
Einige Sekunden schaute sie mich verwundert und geschockt an. „Wenn dich nicht schon vorher alle angestarrt haben, dann jetzt erst recht.“, sagte sie vorwurfsvoll und drehte sich um.
Ich verstand nicht, weshalb sie die Blicke der Kunden nicht sah. Es war so offensichtlich, dass jede zweite Bewegung mir galt. Aber warum ? Es konnte nicht alleine an meinem Aussehen liegen. Um mich zu vergewissern suchte ich möglichst unauffällig nach der Frau mit dem Kind. Sie stand im selben Gang neben den Reinigungsmitteln und hielt eine Flasche WC-Reiniger in der Hand. Dabei ertappte ich sie, wie sie mich beobachtete. Sie drehte sich reflexartig wider um und inspizierte weiter die Flasche in ihrer Hand. Doch nicht nur sie hatte mich beobachtet. Auch ihre kleine Tochter warf mir einige Blicke zu. Natürlich war das üblich für Kinder, doch das kleine Mädchen warf mir keine schüchternen Blicke zu, sie starrte mich an. Sie stand hinter den Beinen ihrer Mutter und zupfte an ihrer rosafarbenen Latzhose rum. Aber dabei ließ sie nie die Augen von mir. Komischerweise war ihr Blick weder neugierig noch verlegen, im Gegenteil. Ihr Blick war ein bisschen verärgert und enttäuscht, vielleicht sogar ängstlich. Dabei habe ich ihr nichts getan! In mir kam das Bedürfniss auf ihr zu sagen, dass ich ihr nie etwas tun könnte. Keinem Kind dieser Welt. Ihre Mutter muss ihr etwas gesagt haben. Sie vor mir gewarnt haben. Wer war diese Frau? Kannte sie mich? Oder ist die absichtlich hier, um mich zu beobachten?
Plötzlich fingen die Lautsprecher im Supermarkt wieder an zu knirschen und zu zischen. Allerdings fehlte die Durchsage. Das Geräusch war so laut, dass ich mir leicht die Ohren zuhalten musste. Ich entschuldigte mich bei einem älteren Mann neben mir und versuchte ihm zu erklären, dass es wahrscheinlich ein paar technische Fehler gibt. Doch dieser schaute mich nur stirnrunzelnd an und lächelte verwirrt. Was war denn heute los?
Das Knirschen wurde leise und es rauschte nur noch leicht. Ich nahm die Hände von den Ohren und schaute mich um. Wenn die Durchsage für mich bestimmt war, sollte bald jemand kommen. Doch es kam keiner von den Mitarbeitern. Ich hörte lediglich jemanden in meiner Nähe kichern. Sofort suchte ich nach dem kleinen Mädchen und ihrer Mutter, doch die waren nicht mehr im Gang. Auch der Senior war nicht mehr neben mir. Dann hörte ich es wieder. Es war leise, aber tiefer als eben. Und dann begriff ich woher es kam. Meine Augen richteten sich auf die viereckige Box an der Decke, aus der immer noch ein rauschendes Nichts kam. Doch dann hörte ich es wieder, diesmal laut und deutlich. Jemand kicherte durch die Lautsprecher. Sofort ließ ich die Kartons stehen und lief in Richtung Kasse, um das Mirko auszuschalten. Ich drängelte mich an Kunden und Pappaufstellern vorbei bis ich in einen leeren Gang kam. Ich lief so schnell, dass ich fast über eine Tüte Hundefutter stolperte, die aus dem Regal gefallen war. Am Ende des Ganges, kurz vor der Kasse blieb ich jedoch abrupt stehen.
„Lena“
Der Gang hinter mir war immer noch leer, als ich mich umdrehte. Verzweifelt suchte ich nach einem Mitarbeiter, der mich rief.
„Lena hörst du mich? Ich bin hier oben“
Durch meinen Körper jagte ein Blitz, dass ich nur wie gelähmt auf der Stelle stehen konnte. Innerhalb von Sekunden wusste ich, dass jedes Wort, wahrscheinlich sogar jedes Geräusch in meinem Kopf stattgefunden hat. Die Stimmen waren jetzt nicht mehr in meinem Ohr, sie waren im Lautsprecher. Sie gaben mir das Gefühl, dass jeder sie hören könnte. Ich muss einfach halluzinieren.
„Realitätsverlust?“
„Halt deine scheiß Fresse“, platzte es aus mir raus. Meine aufgestaute Panik wurde zu Wut. Langsam fasste ich mir an die Schläfen und schloss meine Augen.
„Möchtest du dich nicht einfach umbringen?“, fragte die Stimme höflich, als würde sie mir eine Tasse Kaffee anbieten. Mit einem Mal wurde die grässlich hohle Stimme tiefer. Manchmal flüsterte er leise etwas dazwischen, doch alles was es sagt, klang dämonisch und hasserfüllt. Seine Worte fraßen sich in meinen Kopf, sodass es mir unmöglich war weg zu hören.
„Willst du Labyrinth spielen?“, flüsterte es lachend. Wie auf Kommando hörte ich ein Poltern im Gang der parallel zu meinem war. Etwas Schweres fiel um und landete auf hart auf dem Boden. Dann herrschte Totenstille. Selbst das Rauschen des Lautsprechers hörte auf. Das gewohnte Piepsen des Scanners an der Kasse rückte in den Vordergrund und die menschlichen Stimmen vermehrten sich.
„Könnte ich kurz mit dir sprechen, Lena?“ Ich zuckte erschrocken zusammen als meine Chefin neben mir stand und mir die Hand auf die Schulter legte. Sie legte ihren Kopf zu Seite und betrachtete mich erwartungsvoll. Wahrscheinlich war das ihr Versuch einfühlsam zu sein, doch damit erreichte sie nichts. Ich betrachtete ihr graues, lockiges Haar, dass ihr so leicht auf die Schultern fiel. Ihre Augenbrauen waren buschig und ihre Stirn in Falten gelegt. Zwar sah sie aus wie immer, doch ich suchte nach Indizien die dagegen sprechen. Woher kann ich mir sicher sein, dass alles was ich sehe echt ist? Woher weiß ich, welche Stimme wirklich existiert und welcher Mensch gerade mit mir spricht? Ist das denn schon Wahnsinn?
Trotz all dieser Fragen, die sich mir stellten, folgte ich ihr in den Lagerraum. Dabei konnte ich meine Augen nicht von den Lautsprechern nehmen. Sie fixierten sie die ganze Zeit, denn ich wartete auf weiteres Rauschen, ein Knistern oder leises Flüstern. Vielleicht würden sich ja mehr Köpfe in die Richtung drehen?
Im Lagerraum drehte sich meine Chefin um und schaute mich mit einem besorgten Blick an. Ich war nicht überrascht, dass ich keine Spur von Wut in ihren Augen sehen konnte, denn das war nicht ihre Art. Wenn man sie nicht als Filialleiterin kennt, könnte man denken sie sei einer dieser irren Ökotanten, die auf Homöopathie und Tai-Chi schwören. An ihren Händen findet man immer mindestens fünf Ringe, alle mit einem andersfarbigen Edelstein. Auch um ihren Hals hängen oft selbstgemachte Ketten, wahrscheinlich sollen diese Anhänger irgendwelche schamanischen Symbole darstellen. Plötzlich spürte ich ihre warme Hand auf meinem Oberarm und zuckte zusammen. Ihre Berührung war mit tatsächlich nicht unangenehm, sondern nur ungewohnt. Als ich ihre Bemühungen bemerkte, sich bei mir zu entschuldigen, lächelte ich sie dankend an.
„Lena, du weißt, dass ich vor dir höchsten Respekt habe und auch deine Krankheit akzeptiere, dafür kannst du nichts.“, sagte sie behutsam. „Aber du kannst keine Mitarbeiter beleidigen oder im Gang vor dich her fluchen.“
Erst jetzt realisierte ich, was während meiner Arbeitszeit alles passiert ist. Tatsächlich habe ich nicht nur Rita angeschrien, sondern auch etwas, was niemand anderes außer mir überhaupt wahrnehmen konnte. Für die Kunden habe ich den leeren Gang vor mir beleidigt.
„Du machst den Leuten Angst, verstehst du?“
Auch wenn sie versuchte, vorsichtig mit mir zu reden, traf mich dieser Satz mit voller Wucht. Ich fühlte mich wirklich verletzt, als sei ich ein wildes Tier oder ein gesellschaftliche Abnormität. Ihren Worten gab ich automatisch Gewicht, denn ich schätzte ihre Person. Auf einmal, war ich nicht nur verletzt, sondern mich überkam auch eine Welle von unendlicher Scham. Meine Augen wanderten auf den Boden, denn ich hatte das Gefühl von ihren Blicken erdrückt zu werden. Sie waren zwar nicht wütend, aber unfassbar ehrlich.
„Mir haben viele erzählt, dass du sie ganz penetrant angeschaut hast.“ – „Das war ich nicht, dass war-..“ , setzte ich gerade an. Doch dann erinnerte ich mich an das Gespräch mit Rita und wie es ausgegangen ist. Schlussendlich erwiderte ich also nur: „Das tut mir leid, ich war heute sehr verwirrt.“
Sie fing an, verständnisvoll zu nicken. „Vielleicht nimmst du dir für heute lieber frei.“
Ich nickte zustimmend und ging an ihr vorbei, um mir meine Tasche aus dem Lagerraum zu holen. Dabei quetschte mich hastig zwischen den vielen Kartons und rostigen Transportwagen durch, denn es war so kalt und muffig, dass ich sofort meine Jacke anzog. Ich war mir so sicher, dass ich heute niemanden mehr sehen möchte. Also verabschiedete ich mich leise von meiner Chefin und murmelte zusätzlich noch eine Entschuldigung hinterher. Als ich den Gang entlangging, spürte ich noch ihren Blick im Nacken. Mich begleitete das Gefühl, dass jeder gegen mich war. Selbst die, die mir eigentlich heilig sind. Außerdem wussten sie etwas, dass ich nicht wusste. Genau das machte mich so unglaublich nervös. Jeder will mir einreden, dass es so nicht war. Dies und jenes, sei nie passiert obwohl ich es doch selber gehört und gesehen habe. Ich nehme den ganzen Tag etwas zu mir, von dem ich keine Ahnung habe. Denn ich weiß nicht was drin ist und ich weiß nicht was es bei mir aus löst. Eigentlich weiß ich gar nichts. Aber alle anderen wissen mehr. Mehr über mich?
Es ist bestimmt kein Zufall, dass ich alle Blicke spüre als wären es feine Schüsse. Mir war bewusst, dass sie etwas von mir wollen. Doch war es unaussprechlich. Das schlimmste ist immer noch, dass ich gleich durch diese Tür gehen werde und jeder erwarten wird, dass ich mich normal verhalte. Wahrscheinlich habe ich das schon verlernt.
Als sich die Automatiktür öffnete, blies mir ein eiskalter Wind ins Gesicht. Der Himmel war bedeckt mit fetten, grauen Wolken, die keinen einzigen Sonnenstrahl mehr durchließen.
Ich vergrub meine Hände tief in den Taschen und stoß dabei auf meine Kopfhörer . Während ich zur U-Bahn Station lief, lies ich das letzte Lied von Alphaville laufen. Dabei schloss ich meine Augen mit einer gewaltigen Gleichgültigkeit. Weit entfernt hörte ich die viel befahrene Straße, das Hupen der Autos und abertausende von unbekannten Stimmen.
Dienstag, 17:36 - Berlin
Vor der Haustür fischte ich genervt meinen Schlüssel aus der Tasche. Als ich aufschloss, stieg mir ein bekannter Geruch in die Nase. Es roch nach wilden Gewürzen und süßem Curry. Dazu kamen Stimmen aus der Küche, die lauthals mit einander diskutierten. Erschrocken ließ ich meine Tasche fallen und ging durch den Flur bis in die Küche. Dort stand meine Mutter am Herd, die über die Anrichte mit meinem Bruder diskutierte. Als sie bemerkten, dass ich Türrahmen stand, schaute meine Mutter irritiert zu Seite.
„Du bist schon Zuhause?“, fragte sie irritiert.
Ich hatte vollkommen vergessen, welcher Tag heute war. Mein Plan, heute Niemanden mehr sehen zu müssen, verflog innerhalb von Sekunden. Trotzdem umarmte ich sie, als sie auf mich zukam. Dabei hielt sie ihre hochgekrempelten Ärmel in die Luft.
„Entschuldigung, mein Schatz. Ich hab noch Gemüsebrühe an den Fingern.“, sagte sie, während sie sich wieder zum zischenden Kochtopf drehte. Jan schaute mich schon grinsend an.
„Na, Lenelinski?“ – Während ich genervt die Augen verdrehte konnte ich mir ein Grinsen allerdings nicht verkneifen. Als er mich in den Arm nahm, lehnte meinen Kopf an seine Schulter und genoss diesen kurzen Moment.
Nachdem wir uns aus der Umarmung lösten, setzte er an etwas zu sagen, aber stockt dann. Sein Blick wanderte hinter mich und als ich mich umsah, stand Erik im Türrahmen. Er kippte seinen Kopf leicht zur Seite und nickte mir zu. Ich erkannte den Vorwurf in seinem Blick und begriff, dass ich auch vergessen habe, ihm von diesem Abend zu erzählen. Entnervt folgte ich ihm in den Flur und wollte Jan noch einen entschuldigenden Blick zu werfen. Doch der beachtete mich nicht mehr, sondern fixierte nur Erik, als wäre er eine Spinne die er einfangen wollte.
Draußen auf dem Flur wischte sich Erik ein paar Strähnen aus dem Gesicht und seufzte auf, bevor er anfing zu reden.
„Was..machen die hier?“, fragte er genervt. „Ich bin nach Hause gekommen und zwei Minuten steht deine Mutter mit einem riesen Kochtopf für der Tür.“
Händeringend suchte ich nach einer Erklärung, doch aus meinem Mund kam nur wirres Gerede. Währenddessen bestrafte er mich weiter mit seinem starrenden Blick, Es war, als würde er versuchen in mich hinein zu sehen. Als würde er mich mit seinen braunen Augen durchbohren. Dann fühlte ich mich plötzlich, als säße ich wieder auf dem Beifahrersitz, auf dem Parkplatz von Dr. Kleins Praxis. Wie eine Zielscheibe für seine kalten Blicke. Doch dann spürte ich seine Hand auf meiner Wange, nachdem ich mich schon zum vierten oder fünften Mal verhaspelt hatte.
„Langer Tag?“, fragte er mich nickend.
Und ob. Aber seine Versuche mich zu beruhigen ließen mich kalt. Ich fühlte mich trotzdem alleine und leer. Niemand kann mich verstehen und niemand kann das Gleiche empfinden. Die gleiche Angst vor der Angst, die Enttäuschung und die kochende Wut, die irgendwann droht überzukochen.
Aber ich ließ mich auf seine Berührung ein. Nicht weil sie mir das Gefühl gaben, geborgen zu sein, aber weil ich jegliche negativen Gefühle von mir fernhalten wollte. Da würde mir ein Streit noch fehlen.
„Ich will, dass du mir vorher Bescheid sagst.“ Sein Ton passte nicht zu seinen sanften Bewegungen. Er klang so harsch, als würde er mir einen Befehl geben.
Aus der Küche hörte ich meine Mutter nach uns rufen, also löste ich mich aus seiner Umarmung und ging in die Küche. Auf dem Tisch standen ein paar Oliven, geröstete Tomaten und grüne Paprikas. Der ganze Raum roch nach tausend Gewürzen und ich merkte plötzlich, wie hungrig ich war. Mein Bauch fühlte sich schwer und leer an. Seit Tagen hatte ich kaum Hunger oder ernährte mich nur von kalten Brötchen, Kaffee und den kleinen Pillen. Also setzte ich mich an den Tisch neben Jan, der meine großen Augen scheinbar schon bemerkt hatte.
„Hunger?“, fragte er lachend. Ich nickte nur und griff nach ein paar der Tomaten. Der schwarze Pfeffer und der Thymian prickelten auf meiner Zunge, der scharfe Geschmack breite sich wie eine Welle in meinem Mund aus. Während ich aß, stellte meine Mutter den dampfenden Kochtopf in die Mitte des Tisches. Bevor sie sich hinsetzte strich sie mir aufmunternd über den Rücken.
„Du hattest bestimmt einen langen Tag auf der Arbeit“, sagte sie besänftigend und plötzlich fühlte ich mich wie ein ungezügelter Vielfraß. Deswegen legte ich die Tomaten langsam zurück auf meinen Teller und schloss meinen vollen Mund. Sie setzte sich auf den freien Platz gegenüber von mir und band sich einen Zopf aus ihren hellblonden Haaren. Ihr dunkelroter Lippenstift saß auch heute perfekt, ihre Haare waren wahrscheinlich geglättet und ihr strahlendes Lächeln verschaffte ihr keinerlei Falten. Mit 44 war sie vielleicht eine junge Mutter, doch sie sah so fehlerlos aus, dass man sie auch für meine Schwester halten könnte. Sie schüttete Jedem ein bisschen von dem Weißwein ein, der in der Mitte des Tisches platziert war. Jedem, außer mir. Das war schon so Gesetz bei uns.
„Trink kein Alkohol, Nein, auch kein Bier!“, „Nimm es bloß nicht an, wenn dir jemand einen Joint anbietet!“ Und weil sie mal auf einer zweitklassigen Frage-und Antwort Seite gelesen hatte, dass Koffeine die Symptome verschlimmert, war ab dann auch Kaffee und Cola für mich verboten.
Erik kam rein und hatte sich innerhalb von wenigen Minuten komplett umgezogen. Er trug kein ausgefransten Pullover mehr, sondern ein graues Poloshirt und eine schwarze Anzugshose. Seine schwarzen Harre hatte er zurückgekämmt und zu einem Zopf gebunden. Seine vollen Lippen und dunklen Augen gaben seinem Gesicht eine beängstigende Fehlerlosigkeit. Man könnte meinen, er wäre ein erfolgreicher Golfspieler oder ein seriöser Makler. Was aber unbestritten war, ist das er für meine Mutter der perfekte Schwiegersohn war. Sie grinste ihn an und klopfte auf den Stuhl neben sich, als er nach einem freien Platz suchte. Jan saß gegenüber von ihm, aber er schaute ihn nicht einmal an.
„Erzähl doch mal, wie läuft das Studium?“, fragte meine Mutter gutgelaunt. Erik fing an, zu erzählen. Dabei hörte ich nur „Marketing“ und „Produktion“, denn ich betrachtete mein viel zu verzerrtes Spiegelbild in der grünen Weinflasche. Alles was ich sah war alte, faltige Haut, die auch einer Rentnerin gehören könnte. Weite Augenringe, die immer breiter wurden. Ich schaute reflexartig weg und versuchte mich wieder auf das Gespräch zu konzentrieren. Mittlerweile redete meine Mutter von Jans Beförderung. Erik nickte zustimmend, doch Jan nippte mur an seinem Wein und fügte hin und wieder etwas hinzu.
„Sie klangen wirklich sehr überzeugt von dir, was anderes hätte ich natürlich auch nicht erwartet.“- Meine Mutter befand sich im strömenden Redefluss. Das störte mich nicht, bis sie anfing mit mir zu reden.
„Um Gottes Willen, wie lief denn eigentlich dein Vorstellungsgespräch?“ Dann waren plötzlich alle Augen auf mir. Erik lehnte sich zurück und faltete die Hände auf seinem Bauch, als würde ich anfangen eine schöne Geschichte zu erzählen. Verzweifelt versuchte ich meine letzte Absage zu erklären.
„Also, es lief eigentlich gut. Aber.. naja vielleicht doch nicht so. Jedenfalls schicke ich meine Bewerbung noch weiter, so ist es nicht.“ Jan bemerkte den Scham, der über mich kam und griff nach der Suppenkelle.
„Wollen wir nicht endlich mal essen?“ Er füllte meinen Teller zuerst auf, und ich warf ihm einen dankbaren Blick zu. Die Erkenntnis, dass jeder an diesem Tisch mehr erreicht hatte als ich, versetzte mich zurück in ein Gefühl der Nutzlosigkeit. Ich war an dem Punkt, an dem ich mich vor mir selber ekelte. Vor meinem Aussehen, meiner Art, meinem niveaulosen Job. Mein Appetit war mir auch vergangen, doch ich mischte den Reis mit dem gelben Curry. Das Hühnchen war braun gebraten und triefte von den vielen Gewürzen. Nach dem ersten Löffel, erfüllte allerdings kein süßes Curry mein Mund. Ich schmeckte bitteres, verfaultes Gemüse. Die Soße legte sich auf meine Zunge und schmeckte wie flüssige, faulende Eier. Das Hühnchen fühlte sich pelzig an, an würden aus dem Fleisch noch Haare wachsen. Doch das schlimmste war, dass brannte. Es brannte in meinem gesamten Mund, an meiner Wange, auf meiner Zunge. Es war als würde mir die faule Soße meine Wangen wegätzen. Ich spuckte alles wieder zurück in den Teller und tastete hastig in meinem Mund nach fleischig, ausgebrannten Stellen. In meiner Speisröhre stieg die beißende Magensäure hoch, und ich fing an zu würgen. Verzweifelt suchte ich nach dem Wasser auf dem Tisch und schüttete es mir in den Mund, ohne auch nur einmal abzusetzen. Ich merkte Hände auf meinem Rücken, die mich zu Seite zogen. Ein Teil des Geschmacks war verschwunden, als die Flasche leer war.
„Was ist passiert?“, fragte Jan fieberhaft. Der mich scheinbar zu sich gezogen hatte. Ich ächzte weiter nach Luft, als sich meine Augen mit Tränen füllten. Nachdem ich sichergegangen war, dass nicht verletzt war, senkte sich mein tosender Herzschlag wieder. Meine Panik verwandelte sich allerdings in Wut, und ich wendete meinen Blick zu meine Mutter, die mich erschrocken ansah.
„Wolltest du mich vergiften oder was? Wie Kommst du darauf, vergammeltes essen zu kochen?“, krächzte ich hinaus. Ich setzte eine neue Flasche Wasser an und trank, bis ich nichts mehr von dem faulen und beißenden Geschmack im Mund hatte. Danach wischte ich mir die Tränen aus dem Gesicht, die jetzt langsam meine Wangen runterliefen.
„Schatz, nichts davon ist vergammelt. Du hast dir das eingebildet.“, entgegnete meine Mutter besorgt. Verzweifelt schaute ich zu meinem Bruder, der seine Hand auf meiner Schulter platziert hatte. Statt mich mit einer fürsorglichen Miene zu betrachten, lächelte er mich an. „Das ist schon einmal passiert, weißt du noch?“ Vage erinnerte ich mich an einen Schokopudding, den wir uns als Kinder geteilt hatten. Plötzlich hatte sich die Schokolade in nasse Erde verwandelt.
„Weißt du warum du keine Angst haben brauchst?“ Schniefend schüttelte ich den Kopf. Er nahm sich den Löffel vom Tisch und tunkte ihn in den Currytopf. Bevor ich ihn stoppen konnte, schob er sich den ganzen Löffel in den Mund. Fassungslos starrte ich ihn an, während er langsam kaute und sich mit einer Serviette den Mund abwischte.
„Weil es keine echte Gefahr ist.“, sagte er und tastete gelassen nach seinem Weinglas.
„Was?“, fragte ich immer noch geschockt. „Du darfst keine Angst vor deinen Halluzinationen haben, weil es keine echte Gefahr ist.“
Seine Worte klangen klar und deutlich, aber trotzdem verstand ich ihn nicht. Meine Wahrnehmung war meine Realität. Aber ich dachte über seine Worte nach.
„Was ist denn eine echte Gefahr?“ „Menschen“, antworte er, ohne eine Sekunde zu zögern. Dabei lehnte er sich zurück in seinen Stuhl und betrachtete Erik, wie er gespannt seinen Kopf zur Seite legte.
„Gehen wir eine rauchen?“, fragte er ihn. Erik nickte ihm zu und die beiden verschwanden hinter der schmalen Balkontür im Wohnzimmer. Meine Mutter rief ihnen noch sinnlos hinterher, dass das Essen noch auf dem Tisch steht. Ich nutze den Moment und lief aus der Küche ins Bad. Am Waschbecken füllte ich meine Hände mit eiskaltem Wasser, das ich mir ins Gesicht schüttete. Das erfrischende Wasser spülte mir endlich die salzigen Tränen von den Wangen. Nachdem ich mir das Gesicht abtrocknete, griff ich nach meiner Haarbürste und kämmte mir das zerzauste Haar. Als sie mir wieder glatt auf die Schultern fielen, band ich mir die Haare zu einem tiefen Zopf. Ich öffnete den Spiegelschrank, um nach einem zweiten Haargummi zu suchen. Doch dabei fand ich die kleine lila Packung auf dem obersten Regal stehend. Erik musste sie dort hingelegt haben, wahrscheinlich um mich daran zu erinnern. Ich nahm sie aus dem Schrank und drehte sie vorsichtig in meinen Händen. Es müssten noch zehn von den Pillen da sein,… oder waren es neun? Entnervt schaute ich den Spiegel und traf eine schnelle Entscheidung. Diese Pillen hatten nichts verändert, mal wieder. Sie hatten es sogar noch schlimmer gemacht. Also schmiss ich sie in den kleinen Mülleimer neben dem Waschbecken. Ich vertraute diesem Arzt sowieso nicht.
Als ich wieder zurück ins Wohnzimmer ging, saß meine Mutter am Tisch und nippte an ihrem Wein. Der Boden war gewischt und der Tisch leer geräumt. Sie muss alles sauber gemacht haben, während ich im Bad war. Mich erfasste eine Welle von schlechtem Gewissen, denn so hatte sie sich den Abend bestimmt nicht vorgestellt. Ich umarmte sie sanft von hinten und flüsterte ihr eine ehrliche Entschuldigung ins Ohr. Zu meiner Erleichterung lächelte sie mich an und sagte mir, dass alles gut sei.
Dann schob ich einen Stuhl neben ihren und lehnte mich an zärtlich an ihre Schulter. So versank ich einige Minuten in Nostalgie und dachte an die Fernsehabende, an denen wir stundenlang so auf der Couch lagen. Ich fühlte mich seltsam geborgen, wenn sie mir über den Kopf streichelte. Mir fehlte dieses Gefühl auf unbemerkte Weise.
Gedankenverloren spähte ich durch das Wohnzimmer zur Balkontür. Ich erkannte schemenhaft wie Erik und Jan auf dem Balkon standen, während matter Rauch sie umgab. Worüber sie wohl reden?
„Ich weiß es nicht.“, sagte meine Mutter behutsam. Hatte ich das gerade laut ausgesprochen?
Verwundert richtete ich mich auf und löste mich von dem leichten Griff meiner Mutter. Gleichdarauf schaute sie mich erschrocken an und berührte meinen Oberarm. Durch meinen Körper fuhr ein unerwarteter Schmerz, sodass ich reflexartig zusammenzuckte.
„Was hast du denn da gemacht?“, fragte sie besorgt. Als ich an meinem Arm hinunterblickte, sah ich wie dieser übersäht war mit blauen Flecken. Erschrocken zog ich meinen Ärmel hoch und deckte weitere kleine Flecken auf meiner Schulter. Ich hatte den Schmerz zwar gespürt, doch den ganzen Tag nicht auf meinen Arm geschaut.
„Ich weiß nicht, wo das herkommt.“, antwortete ich. Unruhig dachte ich über den Tag nach, doch mir fiel keine Situation ein, in der ich mich verletzt hatte. Hat mich im Laden ein Transportwagen gestreift? Oder bin ich in der U-Bahn gegen etwas gestoßen? Ich hielt einen Moment inne, denn ich erinnerte mich kaum mehr an die Zugfahrt. Es kam mir so vor, als wäre es schon Jahre her. Die Müdigkeit raubte mir nicht nur meine Kraft, sondern auch mein Erinnerungsvermögen.
Plötzlich öffnete sich mit einem Knarren die Balkontür und mein Bruder und Erik kamen wieder rein. Ihre Blicke waren kalt und steif, als kämen sie von einem beruflichen Meeting zurück. Ich hielt immer noch meinen Oberarm fest, als ich Jans Blick traf. Ein Blitz fuhr durch meinen Körper und ich war wie wachgerüttelt. Ich wusste worüber sie geredet haben. Er muss meinen Arm schon gesehen und einen Schluss daraus gezogen haben. Natürlich mochte er Erik nicht, seine Blicke versteckte er nie. Er dachte doch nicht etwa, dass...?
„Räumen wir hier auf?“, fragte Jan beiläufig. Ohne das Thema auch nur einmal zu erwähnen, deckten wir stillschweigend den Tisch ab.
Bevor die Beiden sich verabschiedeten, legte mir Jan seine Hand auf die Schulter.
„Pass auf dich auf“, flüsterte er mir ins Ohr. Nach einer letzten Umarmung gingen meine Mutter und Jan aus der Tür und ihre Schritte verhallten im Hausflur. Das nächste was ich spürte waren Erik Hände, die fest meinen Bauch umschlungen. Seine Hände wanderten grob an meinem Körper entlang und seine Küsse waren bitter vom Wein. Ich öffnete den Mund, doch er gab mir keine Gelegenheit etwas zu sagen. Also schloss ich meine Augen und verfiel wieder in tiefe Müdigkeit. Ich weigerte mich diesmal nicht und folgte ihm ins Schlafzimmer. Das Einzige was ich verursachen würde wäre Streit und Enttäuschung. Außerdem versteinerte meine Müdigkeit jede meiner Bewegungen. Also gab ich mich ihm hin, um einige Minuten später in einen tiefen Schlaf zu fallen.
Mittwoch, 09:30 Uhr – Berlin
Vorsichtig rieb ich mir durch meine verklebten Augen und blinzelte ein paar Mal. Durch die zugezogenen Gardienen kam nur diffuses Licht ins Schlafzimmer. Ich drehte mich auf die Seite zu Erik, doch ich tastete nur sinnlos auf dem Bettlaken herum. Er war wahrscheinlich schon aufgestanden. Ich griff nach meinem Handy, das auf dem Nachttisch lag - 09:30 Uhr sagte die Anzeige.
Neue Nachricht von Jan
„Habe meine Jacke bei euch vergessen L“
Ich schmunzelte ein wenig und schrieb ihm, dass er sie heute noch holen kann. Dann ließ ich mein Handy auf meine Brust fallen und seufzte erleichternd auf.
Kein schlimmer Traum, keine Angst vor der kläffenden Schwärze und keine einzige Stimme, die ich hörte. Zwar fühle ich mich noch niedergeschlagen, aber ich hatte keine Angst mehr das Bett zu verlassen. Auf einmal fühlte ich mich leichter, als hätte ich ein schweres Gewicht abgelegt. Also stieg ich aus dem Bett und lief ins Bad. Ich ließ das Wasser aus dem Duschkopf strömen und fühlte dabei vorsichtig, ob das Wasser schon warm genug ist. Langsam trat ich unter die Dusche und ließ das heiße Wasser über meinen steifen Nacken fließen. Ich spürte wie mein ganzer Körper von trüben Schmutz und Dreck befreit wurde. Nach ein paar befreienden Minuten stieg ich durch den Dampf aus der Dusche und band mir ein Handtuch um. Mit einem Waschlappen wischte ich den beschlagenen Spiegel ab und betrachtete für einige Sekunden das blasse Mädchen, das mich anstarrte. Ihre Haut hing noch in Falten und ihre Lippen waren trocken. Aber ihre Augen glänzten ein bisschen mehr als gestern.
Ich griff nach der Bürste und kämmte mir die Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen. Über meine nackte Haut zog ich ein ausgewaschenes Shirt und eine graue Leggings. Wohlig eingehüllt lief ich über den kalten Flur in die Küche. Erik stand an der Anrichte und drehte an den kleinen Rad des Radios. Als ich reinkam begrüßte er mich mit einem schmalen lächeln.
„Du hast geduscht?“ – „Ja, ich hab´s geschafft.“, antwortete ich stolz. Vielleicht mag es für andere nur etwas alltägliches sein, aber ich konnte mich nach mehreren gottlosen Tagen endlich dazu aufraffen. Ich setzte mich an unseren kleinen runden Tisch und griff nach der Teekanne. Während ich meinen Becher mit heißen Tee füllte, raste draußen ein dröhnender Güterzug vorbei. Als dieser verhallte, rückte das Rauschen des Radios in den Vordergrund. Alles was ich hörte war ein unverständliches Stimmengewirr und ein leises Knacken, das einen schlechten Empfang kennzeichnete. Mein Kopf füllte sich mit Bildern aus dem Supermarkt und ich stellte mir die raunende Stimme vor, die mir Gänsehaut bereitete. Also stand ich auf und drehte das Radio leiser, als würde ich meine Gedanken so verdrängen können. Erik stellte das Brot auf den Tisch und ein wenig Butter, Schinken und Käse. So hatten wir zusammen lange nicht mehr gefrühstückt.
Dann verschwand er für einige Sekunden im Flur. Ich trank einen Schluck von meinem Tee und genoss den süßen Geschmack von Fenchel und Honig. Ein paar der Sonnenstrahlen, die sich durch das Fenster schlichen, kitzelten meine Nase. Es fühlte sich so ungewohnt warm an, dass ich meinen Kopf am liebsten den ganzen Morgen zu Sonne gedreht hätte. Ich schloss meine Augen und meine Lider fühlten sich plötzlich federleicht an. Für diesen einen, kleinen Moment strahlte es auch ein bisschen in mir.
„Was soll das?“ Eine raue Stimme ließ mein Gefühl zerspringen. Es war, als würde die Sonne wieder verschwinden. Erik stand im Türrahmen und demonstrativ eine kleine hellblaue Mülltüte in der rechten Hand. In der anderen hielt er das kleine lilafarbene Päckchen, das ich gestern Abend noch in den Mülleimer geschmissen hatte.
„Wie kommt das in den Müll?“, fragte er schonungslos. Seine Augen verengten sich, während er mich fixierte.
Verzweifelt suchte ich nach passenden Worten und nach überzeugenden Gründen, denn ich konnte mich nicht herausreden.
„Ich…Ich glaube nicht, das die mir helfen. Ohne diese Pillen fühle ich mich… irgendwie besser.“
Meine Stimme stockte, denn ich fühlte mich so unglaublich unsicher. Das schlimmste war, dass ich dieses Gefühl nicht begründen konnte. Provokant schmiss er die Mülltüte vor mir auf den Tisch.
Dicke Wolken zogen auf.
„Und woher willst du wissen, dass es dir nicht hilft, mh? Vielleicht wird es ja schlimmer.“
Er kniete sich vor mich hin, als wäre ich ein kleines Kind mit dem er auf Augenhöhe sprechen möchte.
Aber ich traute mich nicht, ihm in seine dunklen Augen zu schauen. Er löste eine kribbelnde Angst in mir aus, doch ich sprach weiter.
„Ich konnte kaum mehr schlafen, ich konnte nicht mehr essen, ich konnte mich nicht mehr waschen, ich konnte nicht mal mehr aufstehen. Ich hatte Angst, an jeder Ecke, bei jedem Geräusch. Ich kann keinen Menschen mehr vertrauen. Denn ich bilde mir sogar ein, dass ich dir nicht mehr trauen kann.“ Als ich diese Worte aussprach, rannte mir die erste Träne aus den Augen.
„Außerdem habe ich so komische blaue Flecken am Arm und ich hab tatsächlich gedacht, dass du…dass du..“ – „Das ich was?“, fragte er gespannt. Gerade als ich meinen Satz zu Ende sprechen wollte, bemerkte ich ein schillerndes Rot im Augenwinkel. Aus der blauen Mülltüte quoll Blut, das den Boden der Tüte färbte. Es lief durch das Plastik auf den Tisch und tropfte den Tisch hinunter. Doch es hörte nicht auf, denn es lief immer weiter als würde es kein Ende nehmen wollten.
Ich konnte nur ein leises „Oh mein Gott“ herauspressen. Die kribbelnde Angst in meiner Brust wurde zu einem pulsierenden Klopfen. Erik verfolgte meinen Blick und schaute auf die Mülltüte.
„Was siehst du?“, fragte er mich leise. „Da.. das ist Blut. Überall.“ Verzweifelt versuchte ich, nicht hysterisch zu klingen, aber ich konnte meine Panik nicht verbergen. Ich suchte Eriks Blick, doch er starrte nur die Mülltüte an und flüsterte: „Ich weiß.“
Jetzt war es dunkel.
Nein, das konnte nicht sein. Wie konnte er sehen, was ich sehe? Ohne mich auch nur einmal anzusehen, drehte er sich zur Anrichte um. Darauf blitzte noch das Messer, mit dem er das Brot schnitt. Er griff nach dem grauen Henkel und umfasste ihn, als wäre es ein Spielzeug. Als er sich zurückdrehte, sah ich nichts außer kranker Bösartigkeit in seinem Gesicht. Ich war nicht eingeschüchtert, ich hatte gewaltige Angst vor ihm. Mein Kopf begann sich unter pochenden Schmerzen zu drehen. Ich schnappte nach Luft, doch etwas schnürte mir die Kehle zu. Mein Körper begann zu zittern, während ich flehentlich versuchte zu atmen.
„Keine echte Gefahr“, erklang es in meinem Kopf. Ich wiederholte es zweimal, dreimal, viermal. Das ist nicht Realität, sondern…
Plötzlich streichelte die Messerspitze meinen Oberschenkel. Sie war kalt, scharf und gefährlich echt.
Es war pechschwarz um mich herum. Das einzige was ich sah, waren seine glühenden Augen.
„Du wirst tun, was ich sage. Dafür bist du da.“, raunte er unter Erregung.
Seine Hände ballten sich fest um Kragen. Mit aller Wucht drückt er mich gegen die Wand und ich spürte einen stechenden Schmerz in meinem Rücken, der mich aufschreien ließ. Doch er drückte seine Hände hart auf meinen Mund. Ich schloss mit dem Gedanken ab, in seinen Händen zu sterben. Doch dann löste sich sein starker Griff und ich kippte nach vorne. Ich zog die Luft ein, als sei ich minutenlang unter Wasser gewesen. Weitentfernt hörte ich einen tiefen Schrei und ich spürte schwere Schritte auf dem Holzboden. Nach einem dumpfen Schlag, öffnete ich blinzelnd die Augen. Doch durch den Schleier aus tränen erkannte ich niemanden. Zitternd taste ich nach meinem Oberschenkel, doch ich spürte keine Wunde. Erneute schaute ich schnaufend auf und erkannte, wer mich von seinem Griff befreite. Jan drückte Erik gegen den klirrenden Küchenschrank, aus dem einige Gläser und Teller sprangen. Seine Stimme wurde immer deutlicher, er schrie ihn ungehalten an.
„Raus du verdammtes Arschloch!“ Sein Gesicht war rot vor Zorn, seine Hände zitterten erbittert.
Er packte ihn am Kragen und stoß ihn aus der Tür. Ich erhaschte einen kurzen Blick auf Eriks Gesicht, das das erste Mal von Mutlosigkeit gezeichnet war. Dann folgte einen lauter Knall. Jan hatte die Haustür zugeschlagen.
Einige Sekunden danach spürte ich wieder Hände auf mir, aber sie waren warm und sanft. Mein Bruder umfasste meinen zitternden Armen und mich an seine Brust. Ich hörte wie sein Herz in seiner Brust hämmerte, als würde es gleich heraus springen wollten.
Haltlos ließ ich mich in seine Arme fallen.
Samstag, 17.00 Uhr – Tehlheim/ Brandenburg
Dr. Klein blätterte durch das angeheftete Papier an seinem Klemmbrett und notierte sich stellenweise etwas auf dessen Rand. Im Raum war es so still, dass ich nur leicht die Heizung brummen hören konnte. Es war dasselbe Behandlungszimmer, wie vor einer Woche. Dasselbe Poster, dieselbe Patientenliege, dasselbe Plakat und dieselben Medikamentenschachteln, an derselben Stelle. Fast so, als hätte jemand für eine Woche die Zeit angehalten. Gedankenverloren untersuchte ich den abgenutzten Ärztekrepp auf der Patientenliege unter mir. Doch wenig später schreckte ich auf, als ich etwas Kaltes und Spitzes auf meinem Oberschenkel fühlte. Dr. Klein tippe mit der Spitze seines Kugelschreibers auf meinem Bein herum.
„Frau Beck? Ist alles in Ordnung?“, fragte er besorgt. Scheinbar hatte er mir eine Frage gestellt, weshalb ich verlegen bejahte.
„Wann haben sie das Medikament abgesetzt?“ – „Letzten Dienstag“, antwortete ich.
Er murmelte etwas unverständliches, während er sich weiter Notizen auf seinem Klemmbrett machte.
„Folgendes“, sagte er, und rollte dabei mit seinem Drehhocker zum Medikamentenschrank, „Das Medikament hat ihre Symptome tatsächlich verschlimmert. Natürlich kommt das vor, das ist aber nicht die Regel.“
Dann kam er mit der gleichen Medikamentenschachtel zurück, die mich die halbe letzte Woche begleitete. Demonstrativ tippte er auf die Rückseite, auf der die Wirkstoffe aufgelistet waren.
„Quetiapin – das vertragen sie nicht.“
Auch wenn diese Antwort ziemlich einfach zu verstehen war, hatte ich noch tausend Fragen.
„Ich konnte meine Halluzinationen nicht mehr einordnen.“, platze es aus mir hinaus.
„Ja, das habe ich mir gedacht“, antwortete er fast schon beiläufig. „Der Wirkstoff hat vor allem ihre Depression verstärkt. Sie hatten zudem innerhalb von drei Tagen kaum Schlaf oder eine richtige Mahlzeit. Selbst die Psyche von gesunden Menschen würde sowas nie aushalten“
Ich dachte an all das, was ich nicht als Realität erkannte. Oder besser gesagt wen.
Wenn ich ein Bild von ihm sehe ist es ein bisschen so, als würde ich jemanden sehen, der ihm ähnlich ist. Es war als würde ich ihn nur flüchtig kennen, wie einen alten Bekannten.
„Haben Sie über zusätzliche therapeutische Hilfe nachgedacht?“, fragte mich Dr. Klein.
Es war mir wahrscheinlich gar nicht mehr erlaubt, nur darüber nach zu denken. Meine Mutter hatte mir weinend zugesprochen, ich sollte mich doch an jemand „Professionellen“ wenden.
Jan gab mir eine pragmatische, aber ehrliche Antwort auf meine tausend Fragen:
Tu, was dich glücklich macht
Aber so einfach war das gar nicht. Jedes Mal wenn ich das versuchte, lief ich geradewegs gegen eine Wand. Doch in letzter Zeit hatte ich nur selten ein Versuch gewagt.
Also nickte ich Dr. Klein zu, was sich erstaunlich ehrlich anfühlte.
„Und Ihr ehemaliger Lebensgefährte?“
Verblüfft über seine Frage runzelte ich die Stirn. Warum sollte er Hilfe benötigen?
„So wie sie die Sachlage beschrieben haben, leidet ihr Partner an Psychopathie. Menschen mit diesem Krankheitsbild haben oft einen starken inneren Trieb Gewalt und Macht auszuüben. Manipulation mit Hilfe von häufigen Lügen ist dabei einer ihrer größten Stärken. Dieser Trieb kann beispielsweise durch einer Therapie besser kontrolliert werden. Sie haben doch bestimmt einer dieser Eigenschaften an ihrem Partner bemerkt, oder?“
Jedes seiner Worte war wie ein aufgeweckter Schlag ins Gesicht. Er beschrieb ihn, als würde er ihn seit Jahren in all seinen Facetten kennen. Doch ich hatte es für eine viel zu lange Zeit nicht gesehen.
„Wissen Sie, wo er jetzt ist?“
„Nein.“, antwortete ich. Tatsächlich hatte ich keine Ahnung, wo er war. Als ich letzte Woche nach Hause kam, waren seine Sachen weg und der sein Haustürschlüssel lag auf der Anrichte. Wahrscheinlich hatte er Angst vor einer Anzeige aber ich war mir trotzdem sicher, dass das wir uns nochmal begegnen werden. Bei dieser Vorstellung überkam mich ein seltsames Gefühl, das mir sträubende Gänsehaut bereitete.
„Vielleicht wäre ein Gespräch erforderlich. Aber seien Sie vorsichtig, bitte.“ Mit diesen Worten stand er auf und verabschiedete sich von mir. Ich öffnete die Tür und ging den schwach beleuchteten Korridor entlang, in dem meine lauten Schritte langsam verhallten. Mit einem Stoß öffnete ich die schwere Stahltür zum Parkplatz, als mir die letzten Sonnenstrahlen ins Gesicht fielen.
Vielleicht waren es auch die Ersten.