Das Wort „Egoismus“ lässt sich vom lateinischen ego „ich“ mit dem griechischen Suffix
-ismus ableiten und bedeutet „Eigeninteresse“. Wer egoistisch ist, ist stets darauf bedacht, seinen eignen Vorteil aus der Situation zu ziehen ohne dabei Rücksicht auf andere zu nehmen. Egoismus wird von der Gesellschaft stets negativ konnotiert. Wer egoistisch ist, gilt als unsozial und selbstsüchtig. Aber ist der Begriff „Egoismus“ überhaupt pauschal zu verwenden?


Anthropologisch gesehen handeln wir alle egoistisch. Der Mensch atmet, isst und lebt aus eigennützigem Interesse. Der allgemeine Wunsch nach Befriedigung unserer Bedürfnisse beginnt schon im Kleinkindalter. Ein Baby macht sein Bedürfnis hemmungslos deutlich, indem es anfängt zu schreien. Ein Signal, dass für den bereits selbständigen und ausgewachsenen Menschen deutlich ist. Da Babys und Kleinkinder noch nicht ausreichend kommunikationsfähig sind, müssen sie auf einem anderen Weg auf ihre menschlichen Bedürfnisse, die durchaus überlebensnotwendig sind, aufmerksam machen. Seit Charles Darwin ist bewiesen, dass der Mensch egoistisch Handel muss um zu überleben. Während seinen Forschungen beobachtet er unter den Tieren einen natürlichen Kampf um Nahrung und Lebensraum. Die natürliche Auslege besagt, dass nur der überlebt, der am besten an seine Umwelt angepasst ist. Diese sogenannte „Survival of the Fittest“ - Theorie findet sich nicht nur in der Biologie, sondern in ähnlicher Form auch in der Philosophie wieder. Insbesondere Thomas Hobbes geht von einem natürlichen Egoist aus, der nach Erhaltung seine Existenz und einem Besitz an vielen materiellen Gütern strebt. Da er zudem von einer relativen Gleichheit der Menschen ausgegangen ist, folgt darauf ein „Krieg aller gegen alle“ (-> Bellum omnia contra omnes). Denn stetiger Egoismus schafft Konkurrenz. Jedoch wurde Hobbes aufgrund dieser Annahme oft als Misanthrop bezeichnet, dabei betrachtete er seinen Schluss lediglich als realistisch. Denn das egoistische Handeln des Menschen im Naturzustand ist nach Hobbes legitim und nachvollziehbar. Die Effizienz jener Handlungen lässt sich allerdings grundlegend hinterfragen. Was feststeht ist, dass egoistisches Handeln einen natürlichen Ursprung hat. 

Neben dieser Form von Egoismus besitzt der Mensch auch einen ethischen Egoismus. Dieser besteht darin, dass der Mensch ausschließlich seinen eigenen und eigennützigen Interessen Vorrang gibt und danach entscheidet. Ein alltägliches Beispiel dafür wäre eine Lüge, die eine Schwäche oder einen Fehltritt des handelnden Egoisten kaschieren soll. Dabei ist typisch, dass der Egoist selbst seine Lüge nicht als problematisch betrachtet. Dass diese angestrebten Vorteile auf Kosten von anderen gewonnen werden, bezieht der Egoist nicht ein, es sei denn die Kalkulation der Folgen spricht dagegen. In der modernen Gesellschaft trifft man durchaus Personen an, die diesem Bild entsprechen. Doch wird gegen die Annahme, dass wir in jeder Lebenssituation so handeln, mit der Moral argumentiert. Die Moral sei ein konsolidierender Wert des Menschen, worin altruistisches Handeln des Menschen nicht selten begründet ist. Ein Altruist zeichnet sich durch sein gemeinnütziges und soziales Verhalten aus. Bereits Aristoteles geht von einem „Zoon politikon“, einem sozialen (oder politischen) Wesen aus (lateinisch: ens sociale). Das bedeutet, dass der Mensch von Natur aus auf das Gemeinschaftsleben angelegt ist, was Hobbes Menschbild grundlegend widerspricht: „Es ist offensichtlich, dass der Staat ein Werk der Natur ist und der Mensch von Natur aus ein staatenbildendes Lebewesen.“

Aristoteles‘ Argumentation findet durchaus in unserer heutigen Gesellschaft noch Platz. Aus dem biologisch grundierten aber dennoch gesunden Egoismus, entwickelt sich ein moralisches Wesen, welches Schuldgefühle besitzt und sich um das Wohl anderer kümmert. Der Grund dafür ist der wachsende Verstand und die gewonnenen Erkenntnisse, die der Mensch sammelt. Er entwickelt vor allem moralische Empathie und erkennt den Unterschied zwischen Gut und Böse. Aristoteles‘ Vorstellung eines sozialen Wesens findet sich im Wunsch eines Menschen wieder der Gesellschaft sucht, sich kümmert und die Vorteile einer Gemeinschaft erkennt.

Jedoch handelt der Mensch nicht aus altruistischen Gründen moralisch, sondern aufgrund seines Gewissens. Das Zitat des englischen Schriftstellers und Philosophen Oscar Wilde: „Das Gewissen macht uns alle zu Egoisten“ kann folgendermaßen interpretiert werden: Jeder Mensch entwickelt während ein Gewissen, ein ethisch begründetes Bewusstsein von Gut und Böse. Wenn wir „böse“ Handeln, womit allgemein ein unsoziales Verhalten gemeint ist, entwickeln die meisten Menschen ein negatives Gefühl – ein schlechtes Gewissen. Negative Gefühle wollen wir vermeiden, weshalb wir alles tun, um ein gutes Gewissen bei zu behalten. Wenn wir beispielsweise jemanden etwas schenken, wird dies von außen als eine altruistische Geste interpretiert. Unterdessen schafft diese Geste ein positives Gefühl in uns, da wir erkennen, dass wir etwas „Gutes“ getan haben, was unter anderem auch an der Reaktion des Gegenüber festgemacht wird. Zusammengefasst handeln wir scheinbar altruistisch, jedoch nur äußerlich. Unsere wahren Beweggründe zu diesem scheinbaren Verhalten, sind innerlich und eindeutig egoistisch. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir nicht auf unsere Mitmenschen angewiesen sind. Wir brauchen sie, um jene positiven Gefühle zu entfalten. Damit ein gutes Gewissen überhaupt möglich ist, bedarf es Kontakt und Kommunikation mit anderen Menschen. Beziehungen werden benutzt, um sein eigenes Ego zu stärken.

 Die Religion trägt maßgeblich zur Konstruktion unseres Gewissens bei. Sie benutzt die Moral als Werkzeug, um unseren natürlichen Egoismus zu bändigen. Am Beispiel des Christentums sind einige Regeln erkennbar, die das Ziel haben, unser soziales Verhalten zu bewahren: „Liebe deinen Nächsten“, „Du sollst nicht Lügen“, „Du sollst nicht stehlen“, „Du sollst nicht ehebrechen“, „Du sollst nicht begehren“
Diese Regeln und Gesetzte kommen dem zu Gute, der sie befolgt. Neben dem guten Gewissen, verspricht die Religion ein Leben nach dem Tod, nämlich das christliche Paradies. Die Paradiesgeschichte im Alten Testament erzählt von der Entstehung des menschlichen Gewissens. Eva aß den verbotenen Apfel aus Neugier, weil sie Gut und Böse (noch) nicht voneinander abwägen konnte. Die Schlange versprach ihr die göttliche Erkenntnis. Gott reagiert zornig, was bedeutet, dass er verhindern wollte, dass die Menschen überhaupt ein Gewissen entwickeln. So ist es auch Wunsch der Gläubigen, den darin begründeten Egoismus zu kaschieren.

Schlussendlich gehe ich davon aus, dass die Theorie, dass all unser Handeln egoistisch sein, stimmt. Wir verhalten uns zwar dennoch gemeinnützig und sozial, doch der Ursprung dieses altruistischen Verhaltens, ist egoistisch. Egoismus ist somit in erster Linie eine natürliche Eigenschaft, die jeder Mensch besitzt. 

 

 

Quellen:
- „On the Origin of Species” (1859), Charles Darwin
- “Leviathan”(1651), Thomas Hobbes
- https://www.ezus.org/wp-content/blogs.dir/2/files/2015/10/EZUS.Politiik.2016.-Stiller.pdf  (“Politika” (c.a 335 v.Chr), Aristoteles)
- “Das Bildnis des Dorian Gray“ (1890), Oscar Wilde, Kapitel 8